Wenn es erwachsenen Menschen unangenehm ist, über sexuelle Dinge zu sprechen, umschreiben sie die pikant gedachten Untenrum-Vorgänge gerne mit dem verschämten Euphemismus von „den Bienchen und den Blümchen“. Dabei ahnen sie nicht, dass die Welt des Insekten-Sex mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit viel verstörender ist als das, was sie mit ihrem honigsüßen Euphemismus bemänteln wollen: Luftorgien! Beischlaf-getriggerter Kannibalismus! Explodierende Penisse!

Bettwanzen
Ja, auch Insekten pflanzen sich fort. Aber bei vielen, etwa den Bettwanzen, geht es alles andere als romantisch zu | Bildrechte: WDR 2019/Ole Schleef

Und das betrifft ohnehin schon irgendwie fies aussehende Zwickkäfer, selbst für die niedlichen Glühwürmchen ist Sex eine lebensgefährliche Angelegenheit. Die männlichen Leuchtkäfer zeigen ihre Paarungsbereitschaft in lauen Sommernächten durch glimmende Schaufliege-Manöver. Ihre Balz-Botschaften folgen dabei einem bestimmten Morse-Rhythmus. Hat ihr biolumineszierendes Licht ein interessiertes Weibchen aufmerksam gemacht, funkt es ein Leuchtzeichen zurück. Die Antwortrate ist dabei abhängig von der Lichtintensität, denn auch bei den Glühwürmchen gilt: Wer das dickste Bling-Bling präsentiert, wird am intensivsten wahrgenommen – allerdings auch von Fressfeinden. So wird jeder angebahnte Paarungsakt für die Leuchtkäfer zu einer lebensgefährlichen Kalkulation zwischen Sex und Tod.

Bis zu 79 Tage Liebe

Das Paarungsverhalten ihrer flattrigen Romantikkollegen, der Schmetterlinge, variiert in seiner Drastik dagegen von Art zu Art. Während die Gewöhnliche Eierfliege (die trotz ihres schnöden Namens zu den Edelfaltern zählt) in der Luft einen aufwändig choreographierten Balztanz aufführt, stürzt sich der Monarchfalter im Flug auf ahnungslos daherflatternde Weibchen, um sie mit sich zu Boden zu reißen und dort zu begatten.

Tatsächlich hat fast jede Insektenart ihr ganz eigenes, skurriles Sexdetail. Gespenstschrecken können den Begattungsakt auf bis zu  zu 79 Tage ausdehnen. Die Fruchtfliege, selbst nur wenige Millimeter lang, kann Spermienstränge von fast sechs Zentimeter Länge produzieren. Ohrwürmer haben einen Ersatzpenis, der zum Einsatz kommt, falls der erste bei Begattungsproblemen abbricht. Und natürlich gibt es da noch die Gottesanbeterin, die ihre männlichen Partner nach dem Sex auffrisst.

Das Lieblingsinsekt von Marquis de Sade

Weniger skurril als schlichtweg brutal sind die Bettwanzen in Fortpflanzungsfragen unterwegs. Hätte der Marquis de Sade ein Lieblingsinsekt, diese Plattwanzengattung hätte beste Chancen auf diesen Ehrentitel. Ihr Sexleben kennt nämlich kein galantes Werben, keine vorsichtige Annäherung, eigentlich kann man auch nicht wirklich von einer echten Paarung sprechen. Eher von einem brutalen Überfall mit Stichwaffeneinsatz. Dabei schleich-krabbelt sich das Männchen von rechts hinten an das Weibchen heran und bohrt mit seinem säbelartigen Kopulationsorgan ein Loch in die Bauchseite des Weibchenkörpers. Dann entlässt das Männchen seine Spermien in eine kleine Auffangtasche im Körper des Weibchens, das Ribagasche Organ, etwa so groß wie ein Zuckerkrümel.

Ob die weibliche Wanze paarungsbereit ist, spielt bei dieser rabiaten Variante keine Rolle. „Traumatische Insemination“ ist der biologische Fachbegriff dafür, und die Wanzenweibchen bezahlen mit einem Viertel ihrer Lebenszeit für diese strapaziöse Begattungsmethode. Weil die Wanzenmännchen bei ihrer Säbelsexattacke kein langes Federlesen machen, nähern sie sich manchmal auch Geschlechtsgenossen mit Anbohr-Absichten. Die sondern, sobald sie von einem begattungs-bereiten Männchen umklammert werden, allerdings ein Alarm-Pheromon aus, um Ärgeres zu verhindern. Der entsprechende Panik-Duftstoff der Weibchen hat zu ihrem Pech leider eine andere Note.

Und die Bienchen? Wenn die nicht mit anderen Bienchen, sondern mit Blümchen zugange sind – um auf die garantiert geschlechtsteil-freie Sexmetapher schwiemeliger Eltern zurückzukommen – liefert das übrigens auch nicht unbedingt das beste Vorbild für die wissbegierigen Kinder: Wenn die Biene (das gedachte Männchen) samenverteilend von Blume zu Blume (den Weibchen) schwirrt, ist das zwar nicht lebensgefährlich, aber zumindest in höchstem Maße promiskuitiv.

Und wenn die Bienchen miteinander zugange sind, bezahlen sie, falls sie männlich sind, für den einzigen Sexakt ihres Lebens mit dem Tod: Eine junge Königin auf Hochzeitsflug zieht zunächst alle Männchen in der Umgebung an, die allesamt versuchen, sie in der Luft zu begatten. Der erfolgreichen Drohne droht dann ein bizarres Ende: Bei der Ejakulation platzt der Penis des Männchens und funktioniert somit wie ein Propfen, der verhindert, dass andere Drohnen die Königin ebenfalls befruchten. Das penislose Männchen aber segelt zu Erde und stirbt seinen einsamen Tod.

Autorin

Anja Rützel

Anja schreibt oft über Popkultur und Trash-TV. Aber sie liebt es auch, sich das ungewöhnliche Leben von Tieren ganz genau anzusehen. Viele ihrer tierischen Geschichten sind in ihrem Buch „Saturday Night Biber“ zu lesen.