Kaffee macht Menschen munter – und manche Bienen gefügig. Bienenforscher Christoph Grüter von der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz untersucht, wie das Koffein auf verschiedene Bienenarten wirkt. Sein letztes Untersuchungsobjekt: eine brasilianische Wildbiene.

Bienenforscher Christoph Grüter
Christoph Grüter auf dem Campus der Uni São Paulo | Bildrechte: Francisca Segers

Christoph GrüterBienen- und Ameisenforscher

Der Zoologe Christoph Grüter reist seit 2009 einmal jährlich in ein Forschungsgebiet im Süden Brasiliens. Gemeinsam mit KollegInnen der Universität São Paulo untersucht er dort aktuell die stachellose Biene Plebeia droryana. Schwerpunkte seiner Arbeit liegen außerdem auf der Honigbiene Apis mellifera, der brasilianischen Biene Tetragonisca angustula und den Ameisenarten Lasius niger und Temnothorax nylanderi.

Herr Grüter, warum haben Sie gerade die Wildbiene Plebeia droryana für Ihre Experimente ausgewählt?

Weil sie die Kaffeepflanzen im Süden Brasiliens besonders häufig anfliegt. Zugleich ist sie Generalistin. Sie bestäubt also viele verschiedene Blüten und ist deshalb besonders wichtig für das Ökosystem.

Und trinkt am liebsten Koffein-Nektar?

Eben nicht! Das Ergebnis unserer Untersuchung ist bisher einzigartig, weil es in vergleichbaren Experimenten mit anderen Bienen noch nie dieses Resultat gab: „Unsere“ Wildbienen-Art reagiert überhaupt nicht auf Koffein. Honigbienen hingegen steigern bei Aufnahme von Koffein ihre Motivation und ihre Sammeltätigkeit. Sie trinken mehr Nektar, ihre Lernleistung verbessert sich, sie suchen die Blüten häufiger auf und schicken per Tanz öfter andere Bienen zur Futterquelle.

Ist die brasilianische Wildbiene also schlauer als unsere Honigbienen?

Wir sind uns nicht sicher, das werden wir in den kommenden Jahren mit Hilfe weiterer Experimente untersuchen. Vielleicht verfügt diese stachellose Art über ein anderes Nervensystem als die Honigbiene.

Moment, es gibt Bienen ohne Stachel?

Oh ja, sehr viele sogar. Die Plebeia droryana ist eine von über 400 dieser Arten in Mittel- und Südamerika. Sie unterscheidet sich von der Honigbiene vor allem durch die Größe, mit etwa drei Millimetern gleicht sie einer Gartenameise. Und sie hat eben keinen Stachel. Sie kann auch keinen Schwänzeltanz aufführen.

Wie verständigt sie sich dann mit ihren Artgenossen?

Das konnten wir trotz vieler Untersuchungen noch nicht genau herausfinden. Vermutlich zeigt sie den Genossinnen nur die Richtung zur Futterquelle, aber nicht die Distanz. Vielleicht fliegen ihr die anderen Bienen auch einfach hinterher.

Falls das Nervensystem dieser Wildbienen sich nicht von dem der Honigbiene unterscheidet – welche Gründe könnte es dafür geben, dass sie sich nicht von Koffein im Nektar beeinflussen lässt?

Möglicherweise hat sie sich mit der Zeit angepasst und herausgefunden, dass Pflanzen, die Koffein für den Nektar produzieren, sie nur austricksen.

Aber der Biene kann es doch egal sein, wo sie ihren Nektar herbekommt, warum also „austricksen“?

Weil Pflanzen, die mit solchem Nektar locken, selbst weniger Energie in Nektar und Pollen investieren können. Man vermutet, dass sie die minderwertige Qualität des Nektars durch den anregenden Koffeinrausch verstecken. Die Bienen führen dann ihre Genossinnen zu dieser Futterquelle, obwohl sie verglichen mit anderen Pflanzen weit weniger Zucker bietet.

Ist dieser Trick nicht lebensgefährlich für die Bienenkolonie?

Auf Dauer könnte das über natürliche Selektion durchaus passieren. Die Wildbiene Plebeia droryana ist für Länder wie Deutschland aber trotzdem keine Option, um als womöglich „klügere“ Biene die Bestäubung hierzulande zu übernehmen. Sie lebt nur in den Tropen und Subtropen. Vermutlich kann sie die Temperatur in ihrem Stock nicht so gut regulieren wie etwa die Honigbiene. Bei uns hätte sie keine Überlebenschance.

Wie läuft es ab, wenn Sie aus dem Flugzeug in Brasilien steigen – schnappen Sie sich direkt den Tropenhut und das Schmetterlingsnetz?

Es ist nicht so wild dort, wie Sie es sich vorstellen. Die Kaffeepflanzen und Bienen befinden sich auf einem Grundstück der Universität São Paulo, rund 300 Kilometer von der Stadt entfernt. Es gibt sogar WLAN. Der größte Unterschied zu Deutschland ist, dass es tagsüber sehr heiß und feucht wird; wir laufen aber in ganz normalen Sommerklamotten rum.

Stimmt, stachellose Bienen können schwerlich stechen…

Aber manche beißen oder spucken mit Säure. Die Plebeia droryana zum Glück nicht, sie lässt sich sogar ohne Scheu markieren. Das ist wichtig, damit wir sie individuell verfolgen können. Zunächst suchen wir zwei Nester, die finden sich meist in faustgroßen Höhlen in Bäumen oder Wänden. Dann stellen wir etwas Zuckerlösung an den Eingang, damit die Bienen sie als Futterquellen entdecken.

Eine Lösung mit und eine ohne Koffein?

Richtig. Die Tiere der ersten Gruppe markieren wir mit blauen und gelben Punkten, die der zweiten mit roten und grünen. Danach beobachten wir, ob diejenigen mit koffeinhaltiger Zuckerlösung schneller arbeiten und häufiger die Futterquelle besuchen. Solche Experimente hat es übrigens auch schon mal mit der Droge Kokain gegeben, um herauszufinden, ob Bienen ähnlich dem Menschen von einem Stoff abhängig werden.

Und?

Die Forscher beobachteten nach Absetzen des Kokains tatsächlich Entzugserscheinungen. Zum Glück macht Koffein die Tiere nicht süchtig.

Anna Heidelberg-Stein

Anna Heidelberg-Stein

Anna versucht mit Wildblumen im eigenen Garten Bienen anzulocken. Leider blüht dort nie was. Sie schreibt  für die ZEIT Hamburg. Für #bienenlive interviewt sie Experten aus ganz Deutschland; nebenbei hofft sie auf den entscheidenden Tipp für ihre Honigwiese.