Bienen geben Menschen Honig. Der Filmstudent Wouter Wirth ist dafür so dankbar, dass er ihnen auch etwas schenkt: das Kino. Für sein Kunstprojekt Thank you for the Honey!bearbeitet er den Hollywoodklassiker Vom Winde verweht”  für Bienenaugen.

Produzent Wouter Wirth
Filmproduzent und Künstler Wouter Wirth vor seinen bunten Bienenbeuten | Credit: Romina Ecker

Wouter WirthFilmstudent und Produzent

Wirth hat mit dem Kunstprojekt Thank you for the Honey!2018 das Stipendium Medienkunst der Hochschule für Fernsehen und Film München, ermöglicht durch die Kirch Stiftung und Frau Regina Hesselbergerbekommen. An derselben Hochschule studiert er Kino-und Fernsehfilmund arbeitet parallel als Drehbuchautor. Bevor Wirth die Perspektive von Bienen einnahm, beschäftigte er sich bereits unter anderem mit der von Steinen und Fliegen.

Herr Wirth, Kino für Bienen – echt jetzt?

Wouter Wirth: Warum sollte das Kino nur uns Menschen vorbehalten sein? Wir lassen uns bereitwillig von den Bienen unsere Nutzpflanzen bestäuben. Dafür möchte ich mit „Thank you for the Honey!“ („Vielen Dank für den Honig“) etwas zurückgeben. Es geht mir um Kommunikation von Spezies zu Spezies – und das Kino ist nun mal eines unserer größten Massenmedien.

Wie sieht ein Bienen-Filmpalast aus, Bienen lümmeln in Mini-Sesseln?

Wirth: Für die Vorführung baue ich einem meiner Völker eine Beute mit einer Glaswand, damit die Insekten herausschauen können. Der Film läuft dann auf einem Spezialmonitor in rund einem Meter Entfernung. Wie in einem echten Kinosaal gibt es Samtvorhang und Honigpopcorn.

Aber wieso das alles?

Wirth: Weil es eine Tragödie ist, dass wir Menschen die Welt nur aus unserer Perspektive betrachten. Als Künstler kann ich das selbst thematisieren, indem ich mich in eine andere Perspektive versetze. Zum Beispiel in die der Biene; nur so mache ich die Machtstruktur deutlich, die aus unserem Blick resultiert. Der Diskurs um die Rettung der Insekten ist bestimmt von der Vorstellung, dass die Tiere von uns abhängen. Das ist pure Hybris; wir sind mindestens ebenso abhängig von ihnen. Wir müssen die Bienen retten, um uns selbst zu retten!

Und wie hängt das mit Kino zusammen?

Wirth: Biene und Honig sind für mich Metaphern für die Verhältnisse der heutigen Welt. Wir leben in einem maßlosen Luxus und nehmen in Kauf, dass die Menschen der zweiten und dritten Welt für unseren Lebenswandel ausgebeutet werden. Das Kino ist der Ort, um solche Missstände anzuprangern; einerseits zur Zerstreuung und Unterhaltung, andererseits als das Medium, in dem wir menschliches Zusammenleben reflektieren.

Für Ihre Vorstellung haben Sie einen besonderen Film ausgewählt, den Klassiker „Vom Winde verweht“. Wieso?

Wirth: Er ist der kommerziell erfolgreichste Film aller Zeiten, wenn man die Inflation berücksichtigt. Und „Vom Winde verweht“ wird bis heute als Meisterwerk verehrt. Zugleich ist die Erzählung aus heutiger Sicht höchst problematisch. Der Film beschreibt eine Gesellschaft im Umbruch. Opfer ist die weiße Prinzessin in ihrem Elfenbeinturm, es sind nicht die Sklaven, auf deren Ausbeutung ihr Luxus sich begründet. Sehen Sie die Parallelen? Außerdem ist „Vom Winde verweht“ für mich aus technischen Gründen interessant. Er war einer der ersten abendfüllenden Spielfilme, die das Technicolor-Verfahren einsetzten. Farben spielen eine große Rolle in meinem Projekt, weil Bienen sie anders wahrnehmen als wir Menschen.

Also bearbeiten Sie die Filmfarben für Bienenaugen?

Wirth: Grob gesagt ist der Ausschnitt des Farbspektrums, den das Insekt wahrnimmt, nach links verschoben. So ist es in der Lage, ultraviolettes Licht zu sehen. Das können wir Menschen nicht, auch unsere Bildschirme geben es nicht wider. Hier gerät mein Projekt technisch an seine Grenzen, möglich ist nur eine Annäherung: Hauttöne erscheinen in der Bienen-Fassung dunkelgiftgrün, blau wird zu rot – für unsere Augen. Außerdem reagiert das Auge der Biene im Unterschied zu dem des Menschen nur auf Bewegung.

Stillstand sieht sie nicht?

Wirth: Was still steht, müssen wir uns aus Bienen-Blickwinkel als unscharfe, matschige Fläche vorstellen. Außerdem sehen ihre Facettenaugen nur rund 5.000 Bildpunkte, während das Auge des Mensch sehr viel höher aufgelöste Bilder wahrnimmt.

Das klingt, als ob Facettenaugen kein gutes Sehvermögen haben?

Wirth: Es ist nicht schlecht, nur anders. Bienen verfügen über ein sehr viel höherfrequentiges Sehen als wir. Das heißt: Während wir mindestens 18 Bilder pro Sekunde brauchen, um eine Bilderfolge als flüssige Bewegung wahrzunehmen, sind es bei der Biene 300. Sie braucht das, weil sie sich sehr viel schneller durch den Raum bewegt. Die Schwierigkeit liegt für mich also darin, die 25 Bilder pro Sekunde im Film künstlich auf 300 Bilder zu erhöhen.

Dann bestrahlen Sie die Bienen also mit 300 Scarlett O’Hara-Seufzern pro Sekunde. Ist das nicht anstrengend für die Tiere?

Wirth: Ich bestrahle sie ja nicht mit einem Beamer. Es steht den Bienen frei, sich den Film nicht anzuschauen. Der Bienenstock selbst bleibt größtenteils im Dunkeln und der Bildschirm ist weit genug entfernt, dass die Tiere nicht davon gestresst werden. Man muss sich das Ganze vorstellen wie eine Schaubeute für Schulklassen in Museen.

Falls im Bienenstock wider Erwarten doch Beifallsstürme ausbrechen – wandeln Sie dann noch mehr Hollywood-Klassiker für sie um?

Wirth: Nein, das Projekt wird mit  „Vom Winde verweht“ Mitte Oktober abgeschlossen.  Die Bienen selbst bleiben selbstverständlich in meiner Obhut. Ich habe ihnen auch den Honig nicht weggenommen – den dürfen sie im Lauf des Winters selbst aufessen.

Anna Heidelberg-Stein

Anna Heidelberg-Steibn

Anna versucht mit Wildblumen im eigenen Garten Bienen anzulocken. Leider blüht dort nie was. Sie schreibt  für die ZEIT Hamburg. Für #bienenlive interviewt sie Experten aus ganz Deutschland; nebenbei hofft sie auf den entscheidenden Tipp für ihre Honigwiese.