Kaum jemand weiß so viel über Honigbienen wie Dr. Gerhard Liebig. Der Bienenforscher begeistert sich aber vor allem für Blattläuse. Denn die haben viel mehr mit Honig zu tun, als die meisten Menschen ahnen

Porträt Dr. Gerhard Liebig
Die Biene fest im Blick: Agrarbiologe Dr. Gerhard Liebig | Foto: Rebecca Liebig

Dr. Gerhard Liebig

Der Agrarbiologe arbeitete bis zu seinem Ruhestand 37 Jahre lang an der Landesanstalt für Bienenkunde in Stuttgart-Hohenheim. Dort hat er etwa in Langzeitprojekten die Populationsdynamik von Blattläusen untersucht, ein wichtiger Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg von Waldhonig. Noch heute ist Liebig auf vielfältige Weise für Bienen aktiv, u. a. mit seiner Webseite www.immelieb.de

Was ist besonders an Waldhonig?

Den allermeisten Honig stellen Bienen aus Nektar her, also aus der süßen Flüssigkeit, mit der Blüten Insekten und andere Tiere anlocken, damit die ihren Pollen mitnehmen und zu anderen Blüten bringen. Für den Waldhonig sammeln die Bienen hingegen den Honigtau. Den bilden Baumläuse, wenn sie die Rinde von Nadelbäumen anbohren, und den Pflanzensaft saugen. Daraus entsteht ein kräftiger, herber dunkler Honig – eine begehrte Spezialität. Waldtracht gibt es, wo es Fichten- und Tannenwälder gibt – besonders in Süddeutschland, aber auch im Westerwald und in diesem Jahr in der Eifel.

Sie haben sich so lange mit Blattläusen beschäftigt – wie lautet Ihre Regel für eine gute Waldhonig-Saison?

„Ein lausiger Frühling bringt einen verlausten Sommer“ – auf diese Formel kann man es bringen. Der März muss kalt sein, der April warm, Mai und Juni wieder kühl. Und dann muss man als Imker mit seinen Völkern zur richtigen Zeit am richtigen Ort stehen: Ein Massenbefall einer Lausart hat in der Regel nur zwei bis drei Wochen Bestand. Die Bäume liefern den Läusen danach nicht mehr genug Nahrung. Das heißt: Der Imker muss beobachten, wie sich der Befall entwickelt, und seine lker rechtzeitig in den Wald stellen. Dann kann ein Volk in einem guten Jahr bei gutem Wetter rund drei Kilogramm Waldhonig eintragen – jeden Tag.

Wenn es Ihnen in erster Linie um die Blattläuse ging – warum haben Sie sich so intensiv mit den Bienen beschäftigt?

Wer die Waldtracht untersucht, muss sich natürlich mit den Bienen beschäftigen. Aber vom Honigtau ernähren sich nicht nur Honigbienen. Auch Ameisen und Wespen sammeln Honigtau. Deshalb hat eine Honigtautracht häufig eine „Wespenplage“ zur Folge. Die Ameisen helfen sogar dabei, Läuse zu finden – die halten sie ja regelrecht wie Honigtau-Kühe. Und Pflanzenläuse haben Feinde: Marienkäfer, Schwebfliegen, Florfliegen, Schlupfwespen. Sie erbeuten Baumläuse und beeinflussen so den Befall. Wenn man das Ganze verstehen will, muss man also über den Tellerrand schauen.

Sie sind seit 2011 im Ruhestand – womit beschäftigen Sie sich noch?

Hauptsächlich mit den Honigbienen. Ich gebe Kurse für Imker und helfe dabei, die rund 300 Bienenvölker an 19 Standorten an Rhein und Ruhr zu betreuen, die der Universität Bochum gehören. Sie dienen der Forschung zur Bekämpfung der Varroamilbe. In den 70er Jahren ist die Varroamilbe nach Deutschland gelangt. 1983 hatte ich sie erstmals in meinen Völkern entdeckt. Seitdem zähle ich auch Milben: Die Milbe ist weltweit die größte Bedrohung für die Honigbienen. Wir wollen verstehen, wie sie im Bienenvolk lebt und sich vermehrt, welchen Schaden sie dort wann anrichtet. Und wie man sie am besten unter Kontrolle hält. Wir entwickeln Konzepte, bei denen die Völker ausschließlich mit organischen Säuren behandelt werden. Uns gehen im Winter weniger als fünf Prozent der Bienenvölker verloren – das ist ein guter Wert! Auch andere – Imker und Wissenschaftler sind auf der Suche nach der Lösung des Varroaproblems. Noch ist sie nicht gefunden. Und ich habe einige Buchprojekte am Laufen.

Was fasziniert Sie an Honigbienen?

So ein Bienenvolk funktioniert hervorragend. Und nach meinem Dafürhalten deshalb, weil wir im Bienenvolk eine hundertprozentige Frauenquote haben unter den Berufstätigen. Sie kommunizieren miteinander Tag und Nacht! Nur ein Beispiel: Mit dem Rundtanz und dem Schwänzeltanz zeigen sie einander genau an, wo es reichen Nektar und Pollen gibt. Ein zweites Beispiel: Das Volk einer jungen Königin, die im Sommer geschlüpft ist, besteht im Herbst aus Bienen, von denen keine einzige älter als ein paar Wochen ist. Keine von denen hat einen Winter erlebt, und doch schaffen sie es, sich so auf den Winter vorzubereiten, dass sie diesen überstehen, egal wie er wird, und im nächsten Frühjahr in eine neue Saison starten können. Wie gut so ein Bienenvolk funktioniert, kann man nur sehen, wenn man selbst Bienen hält. Je länger ich das mache, desto mehr wird mir bewusst, was für eine wunderbare Tierart das ist. Nicht der Mensch ist die Krone der Schöpfung, sondern die Honigbiene.

Joachim Budde

Joachim Budde

Joachim stellt als freier Wissenschaftsreporter Insekten nach. Er hat schon einen Imkerkurs besucht, Asiatische Tigermücken am Oberrhein gejagt, Bettwanzen in einem Berliner Plattenbau gesucht und Fliegen im Garten des Londoner Naturkundemuseums beobachtet. Er arbeitet fürs Radio und für #bienenlive.