Auf der Facebook-Seite „Gärten des Grauens“ veröffentlicht und kommentiert Ulf Soltau Bilder von Steinwüsten in Vorgärten. Der Biologe will mit Satire zeigen, wie unvernünftig viele mit der Natur umgehen. Kann er die deutsche Gartenkultur retten?

ulf Soltau
Der Biologe Ulf Soltau betreibt auf Facebook die Seite "Gärten des Grauens". Bildrechte: Ulf Soltau

Ulf Soltau

Der Biologe lebt in Berlin und lässt in seinem Kleingarten höchstens Steinhaufen zu, die Eidechsen als Schutz und Zuhause dienen. Er hat in Bayreuth Ökologie und Biodiversität studiert, in Frankfurt Botanik, Zoologie und Toxikologie. Im Herbst erscheint Soltaus Buch „Gärten des Grauens“, das „Verbaumarktisierung, sterile Krüppelkoniferen und Psychopathengärten“ veranschaulicht.

Herr Soltau, was haben Sie gegen Steine im Garten?

Nichts, so lange sie nicht das apokalyptische Artensterben fördern, dem die Erde zur Zeit ausgesetzt ist. Meine Seite dreht sich ja um Gärten, in denen es kaum noch Lebensraum für Insekten und andere Tiere gibt. Alles ist gepflastert, verschüttet, betoniert. Diese Steinhalden eliminieren jedes Leben – grauenvoll!

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Bilder solcher „Gärten“ zu sammeln und ins Netz zu stellen?

Ich war früher als Botaniker Mitglied in vielen Garten-Gruppen auf Facebook. Da konnte ich es mir nicht verkneifen, Fotos stolzer Schottergärtner satirisch zu kommentieren. Das gab jedes Mal einen Aufschrei, ich wurde aus den Gruppen rausgeworfen. Also habe ich eine eigene Seite gegründet.

Mit Erfolg?

Ja, ich habe offenbar in ein Wespennest gestochen; vor Kurzem wurde ich in den Tagesthemen erwähnt, Zeitschriften wie Dega-GaLaBau, Geo und auch Sie schreiben über mich. Auf Facebook und Instagram zusammen habe ich mittlerweile über 100.000 Abonnenten. Im Herbst erscheint mein erstes Buch.

Zeit für eine eigene Fernsehshow.

Das habe ich mir auch gedacht. Ich überlege gerade, ob ich in einer TV-Doku Schottergärten renaturiere. Künftig würde ich aber gerne auch andere Themen satirisch anreißen, mich mehr auf den Umweltschutz im Ganzen konzentrieren.

Hat sich das Thema Steingarten schon ausgekieselt?

Nein, ich bekomme immer noch täglich hundert Bilder. Grad eben kam eines der übelsten Sorte: Da hat ein Däne in seinem Vorgarten eine Naturkulisse aus Stein nachgebaut. So sieht die aus: Wo Kunststoff-Eisvögel geduldig in türkisblaues Schotterwasser starren und sich Polymer-Farne und Plaste-Rohrkolben ein Stelldichein geben, da lässt auch der Lego-Däne gerne seine Seele baumeln. Mir läuft es kalt den Rücken runter.

Sind an solchen Orten überhaupt noch ein paar Insekten zu sehen?

Da lebt höchstens die eine oder andere Kellerassel unter einer Fliese. Kommt aber kein Vogel ran. Das ist schlimmer als englischer Rasen, da kriechen wenigstens noch Regenwürmer.

Wieso tun Menschen so etwas?

Dazu gehören ein gehöriges Maß an Entfremdung von der Natur und die Versprechen der Baumärkte und anderer Anbieter, Schottergärten seien wenig zeitintensiv. Manche Leute scheuen eben Gartenarbeit. Dabei finde ich das Wort an sich schon fragwürdig – für mich ist alles, was ich im Garten tue, Erholung.

Andere wollen draußen lieber die Beine hochlegen.

Wie idyllisch, umgeben von Beton und Kieseln. Arbeit werden sie trotzdem haben; innerhalb der ersten zwei Jahre wächst da vielleicht nichts. Ein Kunststoffgewebe-Vlies hält Unkraut ab, darüber türmen sich rund 20 Zentimeter Schotter. Aber wenn man dann kein Glyphosat spritzt, sind Sauberkeit und Ordnung vorbei. Flugsamen suchen sich ihre Wege, Herbstlaub verrottet zwischen Kieseln. Also holen die Leute das Gift raus – Schotter- und Pflanzenschutzindustrie arbeiten Hand in Hand. Deshalb will ich jetzt schon mal einen Appell loswerden: Auf keinen Fall das Glyphosat verbieten, Frau Klöckner! Das wäre ein Horror für alle Schottergärtner!

Im Ernst – überzeugen Sie Betonwüsten-Freunde mit Satire davon, Wiesenkräuter zu säen?

Wahrscheinlich nicht. Ich bin auch eigentlich nicht für eine Verbotskultur. Aber so viel Unvernunft können wir uns einfach nicht leisten – Schottergärten sind ein Affront gegen die Gesellschaft! Allerdings kritisiere ich im selben Atemzug die Naturschutzverbände in Deutschland. Sie haben ihre Arbeit immer auf Schutzgebiete konzentriert und damit eine Trennung von Kultur und Natur erzeugt. Dabei sind wir Teil des Ökosystems, wir leben mittendrin. Also muss Umweltschutz überall funktionieren, nicht nur in Wäldern und an Seen. Auch in der Landwirtschaft und vor allem im eigenen Garten – nur so können wir die Artenvielfalt bewahren.

Hand auf’s Herz: Gibt es in Ihrem Garten trotz allem ein paar Steinhaufen?

Ich gebe es zu, meine Terrasse besteht aus Betonplatten. Davon abgesehen liegt mein Kleingarten in Berlin zwischen zwei Bahngleisen. Das ist wirklich Schotter genug.

 

Anna Heidelberg-Stein

Anna Heidelberg-Stein

Anna versucht mit Wildblumen im eigenen Garten Bienen anzulocken. Leider blüht dort nie was. Sie schreibt für die ZEIT Hamburg. Für #bienenlive interviewt sie Experten aus ganz Deutschland; nebenbei hofft sie auf den entscheidenden Tipp für ihre Honigwiese.