Gibt es faule und fleißige Bienen? Um dieser Frage nachzuspüren, statteten der amerikanische Wissenschaftler Paul Tenczar und sein Team hunderte Bienen mit Mini-Sensoren aus. Mit ihrer Hilfe verfolgten sie die europäische Honigbiene Apis mellifera wochenlang – und erhielten verblüffende Resultate.

Die kleinen Sensoren auf dem Rücken der Bienen brachten verblüffende Resulate | Bildrechte: Tom Newman/ Robinson Bee Laboratory

Paul Tenczar Biologe

Paul Tenczar erforscht an der University of Illinois das Verhalten von Honigbienen. Er greift dabei als einer der ersten Wissenschaftler weltweit auf Hochfrequenz-Identifikations-Markierungen zurück. Dazu entwickelte Tenczar eine spezielle Technik, um RFID-Tags (Radio Frequency Identification) an Honigbienen anzubringen. Auf diese Weise können die Forscher die Aktivität der einzelnen Bienen im Bienenstock über mehrere Wochen hinweg mit Monitoren verfolgen.

Herr Tenczar, wie kommt man auf die Idee, für so kleine Tierchen wie Bienen noch kleinere Sensoren zu entwickeln?

Paul Tenczar: Ursprünglich wollte ich einfach wissen, ob ich es schaffe, Hochfrequenz-Identifikations-Markierungen auf Bienen anzubringen. Und ob die Insekten die Sensoren tragen können, ohne dass sich ihre Lebenszeit verkürzt.

Hat das geklappt?

Ja. Ich habe den Eindruck, die Bienen haben auch mit den Sensoren ein ganz normales Bienenleben geführt, im Sommer lebten sie rund sechs Wochen lang.

Aber Sensoren benötigen Energie. Flogen die Tiere auch noch einen Akku auf dem Rücken herum?

Nein. Die Mini-Sensoren, die ich gewählt habe, wiegen weniger als ein Milligramm. Sie beinhalten Photo-Zellen, die Energie über einen Laser auffangen. Den positionierten wir am Eingang des Bienenstocks und bei den Futterquellen.

Paul Tenczar forscht am Robinson Bee Lab an der University of Illinois | Bildrechte: WDR 2019

Und wie schafften Sie es, Bienen mit Sensoren zu markieren, ohne sie zu zerquetschen?

Dafür muss man auf jeden Fall sehr viel Zeit einplanen – es hat eine ganze Woche gedauert, bis wir genügend Bienen markiert hatten. Wir wählten Tiere aus, die erst einen Tag alt waren. Die können noch nicht fliegen oder stechen, sind also einfach zu fangen. Die Insekten setzten wir dann ein paar Minuten auf Eis, um sie zu betäuben. In dieser Zeit befestigten wir die Sensoren mit Sekundenkleber auf dem Rücken.

Und dann?

Ging das Experiment richtig los. Auf dem Gelände der University of Illinois gibt es dafür extra Versuchsanordnungen: Bienenstöcke stehen in feinmaschigen Käfigen mit rund 25 Metern Länge, vier Meter Breite und fünf Meter Höhe. An einem Ende ist der Stock, am anderen befinden sich die Pollen und der Nektar. Für diese Distanz, das Einsammeln des Futters und den Rückflug benötigten „unsere“ Bienen nur ein paar Minuten.

Was genau haben Sie gemessen?

Mit Hilfe der Sensoren konnten wir verfolgen, wann welche Biene losflog und wann sie wieder in den Stock zurückkam. Auch an der Futterquelle nahmen wir Messungen vor. Das Ergebnis verblüffte: Rund 20 Prozent der Bienen auf Futtersuche bringen mehr als die Hälfte des gesamten Nektars und der Pollen zurück in den Bienenstock.

Es gibt also in der Tat besonders fleißige Bienchen?

Ja! Ich nenne sie Elite-Bienen!

Warum arbeiten manche Tiere mehr als andere?

Das ist eine gute Frage; und wie bei jeder guten Frage gibt es noch keine Antwort. Das wird die Wissenschaft in Zukunft noch weiter beschäftigen.

Kommen „Elite-Bienen“ vielleicht bereits stärker oder cleverer zur Welt?

Nein, und dies ist mindestens genauso spannend wie die erste Erkenntnis: Wenn wir die Super-Tiere vom Schwarm trennten, nahmen andere Bienen ihre Elite-Rolle ein. Das bedeutet, der Schwarm produziert Super-Bienen je nach Bedarf.

Wäre es für das Bienenvolk nicht besser, wenn jedes Tier auf Futtersuche zur Elite gehörte?

Noch so eine gute Frage. Niemand kennt die Antwort. Eine Möglichkeit ist, dass der Schwarm immer einige Tiere als Reserve für die Futtersuche zurückhält. Die Futtersuche ist eine harte Aufgabe, die Bienen schnell altern lässt. Vielleicht opfern sich die Elite-Bienen auf und bringen genügend Futter mit in den Stock, um alle anderen Bienen zu unterstützen.

Wie könnte man das näher untersuchen?

Eine Idee wäre, sowohl Elite- als auch normale Bienen zu fangen und ihre Gehirne zu zerlegen. So wäre es möglich, zu analysieren, ob bei den einen Bienen andere Gene aktiv sind als bei den anderen, und wenn ja, welche.

Anna Heidelberg-Stein

Anna Heidelberg-Stein

Anna versucht mit Wildblumen im eigenen Garten Bienen anzulocken. Leider blüht dort nie was. Sie schreibt für die ZEIT Hamburg. Für #bienenlive interviewt sie Experten aus ganz Deutschland; nebenbei hofft sie auf den entscheidenden Tipp für ihre Honigwiese.