Wenn einem Imker die Bienen wegsterben, kann er sie nach Braunschweig schicken, zur „Untersuchungsstelle für Bienenvergiftungen“ am Institut für Bienenschutz. Dort erforschen Dr. Jens Pistorius und sein Team die Auswirkungen von Pflanzenschutzmittel auf Honigbienen, Hummeln und Wildbienen. Die Forscher entwickeln auch neue Prüfverfahren, die das Risiko, das von diesen Stoffen ausgeht, realistisch widerspiegeln.

Dr. Jens Pistorius leitet das Fachinstitut für Bienenschutz am JKI | Bildrechte: WDR 2019

Dr. Jens PistoriusBienenforscher

Als Teil des Julius-Kühn-Instituts (JKI) des Bundesforschungsinstituts für Kulturpflanzen ist das Institut für Bienenschutz dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft unterstellt. Jens Pistorius leitet das JKI-Institut für Bienenschutz. Er ist Diplom-Agrarbiologe und beschäftigt sich schon seit dem Studium an der Universität Hohenheim mit Giften in der Umwelt, Pflanzenschutz und Bienen.

Herr Dr. Pistorius, Braunschweig geht den Bienenschutz ganz offensiv an: Die Stadt soll „Bienenstadt“ werden. Was bedeutet das?

Circa 30 Hektar in Braunschweig sollen neu bepflanzt werden, um Wildbienen überall in der Stadt Lebensraum und Nahrung zu bieten. Dafür hat die Stadt Fördergelder vom Bund und vom Land eingeworben und mit eigenen Mitteln auf knapp sechs Millionen Euro aufgestockt. Wir vom Institut für Bienenschutz arbeiten an der Konzeption mit und begleiten das Projekt wissenschaftlich. Ziel ist, auf dieser wirklich großen Fläche unterschiedliche Maßnahmen zum Schutz und Erhalt verschiedener Bienenarten zu erproben, um herauszufinden, ob sie die gewünschten Effekte haben. Also sprich: Wie muss das Stadtgrün gestaltet sein? Wie müssen die Lebensräume miteinander vernetzt sein? Wie kann man es schaffen, dass sowohl die Generalisten als auch die Spezialisten unter den Wildbienen profitieren?

Wie sieht das konkret aus?

Wir wollen zusammen mit dem Fachbereich „Stadtgrün und Sport“ der Stadt Braunschweig artenreiche Wiesen entstehen lassen und mehrjährige Blühstreifen. Aber wir wollen auch Flächen mit Stauden statt der üblichen Rasen und Gehölzpflanzungen, die zwar ordentlich aussehen, aber vielen Bestäuberinsekten kaum Nahrung oder Wohnstatt bieten. Sechs neue Streuobstwiesen sollen entstehen. Die Stadt begrünt Dächer und Fassaden. Auf diese Weise spannen wir ein Netz von Lebensräumen über die Stadt, sodass die Bienen sich von einem Biotop zum nächsten bewegen und über das gesamte Stadtgebiet verteilen können. Wir schauen uns auch an, wie der Boden beschaffen sein muss für verschiedene Wildbienenarten, die darin nisten. Denn neben Nahrung brauchen Wildbienen auch Nistplätze, und viele von ihnen benötigen das Material bestimmter Pflanzen, um ihre Nisthöhlen auszukleiden.

Bekommen Wildbienen einen völlig neuen Stellenwert?

Alle Bienenarten – Honig- und Wildbienen – sind wichtig für die Bestäubung. Daher ist es zu begrüßen, dass auch Wildbienen zunehmend wahrgenommen werden. Das schmälert aber nicht die hohe Bedeutung der Honigbiene für die Landwirtschaft. Unser Ziel ist es, wirksame Maßnahmen zum Schutz und zur Förderung von Wild- und Honigbienen zu entwickeln. Um die Gefährlichkeit von Pestiziden zu bestimmen, sind bislang vor allem Tests an Honigbienen vorgeschrieben. Wilde Bienen, Hummeln mit ihren deutlich kleineren Völkern oder Solitärbienen, bei denen sich jedes Weibchen allein um ihre Brut kümmert, können negative Einflüsse viel schlechter ausgleichen als die großen Honigbienenvölker.

Es gibt Szenarien, nach denen Wildbienen empfindlicher sind. Es gibt aber auch Situationen, in denen zum Beispiel Hummeln robuster sein können als Honigbienen. Auch die Wirkstoffmengen, mit denen unterschiedliche Arten in Kontakt kommen, ist verschieden. Während Solitärbienen beispielsweise nur in bestimmten Zeiträumen im Jahr sammeln, sind Honigbienen viel länger aktiv. Darum haben wir in den letzten Jahren sehr viele Versuche gemacht mit Honigbienen, Hummeln und Mauerbienen, um zu sehen: Wie muss man bei der Risikobewertung neue Pestizide für die verschiedenen Bienenarten testen, um wirklich verlässliche Aussagen treffen zu können? Kann man, und wenn ja, in welchen Fällen und in welchem Ausmaß, von bestimmten Arten auf andere schließen?

Welche Rolle spielen Wildbienen für die Landwirtschaft?

Beide, Honigbienen und Wildbienen sind wichtig, auch wenn die Bedeutung lokal bis regional und von Kulturpflanze zu Kulturpflanze sehr verschieden ist. Bestimmte Obst- und Gemüsesorten brauchen unbedingt Bienen, um genügend Früchte hervorzubringen. Beim Raps gibt es inzwischen neuere Züchtungen, die würden es auch ohne Bienen schaffen, einen gewissen Fruchtstand aufzubauen.

Bei den Pflanzenschutzmitteln waren lange Zeit vor allem die zur Bekämpfung von Schadinsekten genutzten Neonicotinoide in der Diskussion. Inzwischen sind sie in den meisten Anwendungen im Freiland verboten. Dafür wird viel über glyphosathaltige Unkrautbekämpfungsmittel gesprochen. Welche Rolle spielen diese für Honig-und Wildbienen?

Glyphosat ist ein Pflanzengift. Für Honigbienen spielt es direkt keine große Rolle. Sie vertragen ziemlich große Mengen, ohne dass sie daran sterben. Trotzdem beschäftigt uns das Glyphosat. Weil Studien gezeigt haben, dass Glyphosat das Mikrobiom, also die Bakteriengemeinschaft im Darm von Bienen, verändert. Allerdings gibt es aktuell keine Erkenntnisse, ob solche Effekte auf Volksebene unter praxisnahen Bedingungen relevant sind und das Volk schädigen. Wir untersuchen darum: Hat Glyphosat einen negativen Einfluss auf die Bienen?

Wir haben bisher einzelne Versuche gemacht zu akuten Auswirkungen. In diesen ersten Untersuchungen unter Worst-Case-Bedingungen haben wir weder kurzfristige noch mittelfristige oder chronische Effekte festgestellt. Größere und systematische Untersuchungen werden aber noch folgen. Bei Glyphosat sollte man sich außerdem vor Augen führen, wann Bienen das Mittel mit Nektar und Pollen in den Stock eintragen: Sie tun das nur dann, wenn das Glyphosat auf den Acker gebracht wird und Blüten trifft.

Aber als Pflanzengift tötet Glyphosat auch Futterpflanzen von Bienen. Welchen Einfluss hat das?

Das ist natürlich ein Problem: Mittel zur Unkrautvernichtung nehmen Trachtpflanzen für Honigbienen und Wildbienen weg. Aber das passiert bei der mechanischen Unkrautbekämpfung auch. Das kann in bestimmten Bereichen oder zu bestimmten Zeiten Probleme verursachen. Entscheidend ist: Welche Pflanzen sind in einer Region zu einem bestimmtem Zeitpunkt verfügbar? Wenn in der Natur nicht mehr viel zu holen ist, kommt es auf jede Blüte an.

Ihre Arbeit dreht sich um Bienen und Sie imkern. Was fasziniert Sie an diesen Tieren?

Mich faszinieren tausend Aspekte! Zum Beispiel der Mechanismus im Bienenvolk, sich Krankheiten vom Leibe zu schaffen. Jedes Jahr sterben also pro Volk 200.000 bis 250.000 Bienen. Wenn Bienen merken, dass es mit ihnen zu Ende geht, krabbeln sie aus dem Stock und fliegen weg, um sicherzustellen, dass sie Krankheitserreger weit von ihren Schwestern fortschaffen. Und mich fasziniert, wie unterschiedlich die einzelnen Bienenvölker sind. Die einen bauen etwas anders als die anderen, manche sind sanftmütiger, wieder andere entwickeln sich schneller als andere. Ich empfinde es so, dass jedes Bienenvolk einen eigenen Charakter hat.

Joachim Budde

Joachim Budde

Joachim stellt als freier Wissenschaftsreporter Insekten nach. Er hat schon einen Imkerkurs besucht, Asiatische Tigermücken am Oberrhein gejagt, Bettwanzen in einem Berliner Plattenbau gesucht und Fliegen im Garten des Londoner Naturkundemuseums beobachtet. Er arbeitet fürs Radio und für #bienenlive.