Ursprünglich faszinierten Cornelis Hemmer vor allem Fledermäuse und Vögel. Ohne Insekten aber könnten auch die nicht überleben; deshalb gründete der Geograph die Initiative „Deutschland summt!“. Sie vereint Projekte rund um Hummel und Biene, beliefert gar den Bundespräsidenten mit Honig.

Cornelis Hemmer sitzt zwischen Bienenbeuten
Zahlreiche Experten teilten in ausfürhlichen Interviews ihr Wissen

Deutschland summt

2010 gründete Cornelis Hemmer die Intiative „Berlin summt“ und überzeugte viele Menschen, sich für Insekten einzusetzen. Daraus ist das bundesweite Projekt „Deutschland summt“ geworden, an dem sich auch viele Städte beteiligen, u. a. Hamburg, München, Hannover, Frankfurt am Main.

Weitere Infos zur Initiative: www.deutschland-summt.de

Aktuell: Gartenwettbewerb „Wir tun was für Bienen 2019“ www.wir-tun-was-fuer-bienen.de

Herr Hemmer, Ihre Bienenvölker stehen im Garten des Bundespräsidenten. Sie verköstigen das ganze Bellevue-Team mit Honig aus dem Schlossgarten. Wieso?

Cornelis Hemmer: Ursprünglich wollten wir damit ein Signal setzen. Der Bundespräsident sollte sich fragen: „Was hat mein Verhalten mit dem Insektensterben zu tun?“ Dass er Honig von Bienen aus dem eigenen Garten bekommt, hätte ihn für das Thema sensibilisieren können. Leider zeigt das Bundespräsidialamt wenig Interesse. Herr Steinmeier hat die vier Völker auf seinem Grundstück vermutlich noch nie besucht.

Er hat einen vollen Terminkalender…

Ja, aber er könnte mit seinem Verhalten ein deutliches Zeichen setzen. Zum Beispiel das gesamte Schloss Bellevue auf Biokost umstellen nach dem Motto „Wir gehen vorneweg!“ Vorbilder müssen ihre Stimme öffentlichkeitswirksam nutzen.

Eben waren wir noch bei Bienen, jetzt fordern Sie Bio-Kost…

Das hängt untrennbar zusammen. Wir Verbraucher können mit wenig Aufwand viel beeinflussen. Allein in den vergangenen zehn Jahren haben wir einiges erreicht: Damals hat noch keiner vom Insektensterben geredet. Mit Hilfe von „Deutschland summt!“ haben wir das Thema von der akademischen Ebene runter in den Diskurs des Mainstreams geholt. Endlich begreifen die Menschen ansatzweise, wie wichtig es ist.

Dann brauchen Sie den Bundespräsidenten als Vorbild gar nicht mehr.

Wir können uns aber nicht ausruhen auf kleinen Erfolgen. Es reicht natürlich nicht, sich einheimische Pflanzen für Insekten auf den Balkon zu stellen oder eine Nisthilfe zu bauen. Selbst „Fridays for Future“ steht ganz am Anfang. Die Bewegung ist toll, hat aber Politik und Wirtschaft bisher nicht zum Handeln gebracht. Jetzt müssen wir dran bleiben.

Immerhin sind Bienen mittlerweile „in“; viele Hobby-Imker halten sich Völker im Garten oder am Balkon.

Das ist doch kein Artenschutz. Da können Sie genauso gut einen Hund als Haustier halten. Ich glaube, die meisten Menschen haben die Ernsthaftigkeit des Bienensterbens nicht begriffen – unser übermäßiges Konsumverhalten reißt nicht ab, nimmt eher zu. Wir bestellen Sachen im Internet, die mit Lastwagen durch ganz Europa gekarrt werden. Wir kaufen Kartoffeln aus Ägypten, statt die deutschen aus dem vergangenen Herbst zu essen. Und zur Arbeit fahren die meisten noch immer mit dem Auto, nicht per Rad.

Das klingt sehr negativ. Sie haben doch gerade selbst gesagt, dass Klima- und Insektenschutz endlich ein öffentliches Thema geworden sind.

Ja, aber wie ernst nehmen wir es? Wir diskutieren zum Beispiel leidenschaftlich über den Wolf, aber ob ein paar Insektenarten mehr oder weniger hier leben, interessiert im Detail keinen. Vielmehr wollen die Menschen die Tiere nach gut und böse aufteilen; auf Mücken und Schaben etwa möchten die meisten verzichten. Da fehlt das Wissen über die Zusammenhänge.

Was also soll der Mensch Ihrer Meinung nach tun?

Wir müssten eine vollkommen andere Wirtschaftsform erreichen, um tatsächlich etwas zu verändern. Die will leider keiner, weil wir dann in der Tat Verzicht üben müssten. Schockstarre angesichts dieser Problematik nützt aber auch nichts. Wir werden Strategien entwickeln müssen, um uns den Veränderungen der Umwelt anzupassen.

 

Anna Heidelberg-Stein

Anna Heidelberg-Stein

Anna versucht mit Wildblumen im eigenen Garten Bienen anzulocken. Leider blüht dort nie was. Sie schreibt  für die ZEIT Hamburg. Für #bienenlive interviewt sie Experten aus ganz Deutschland; nebenbei hofft sie auf den entscheidenden Tipp für ihre Honigwiese.