Honigbienen finden Erdbeerblüten nicht besonders attraktiv. Trotzdem leisten die Insekten für Obstbauern einen wichtigen Dienst – als natürliches Pflanzenschutzmittel.

Die Erdbeerblüte sieht einer Apfelblüte sehr ähnlich

Für uns Menschen sind die leuchtend weißen Blüten ein Versprechen für eine besondere Zeit im Jahr: die Erdbeerzeit. Je frischer die roten Früchte auf den Eisbecher, in die Sahne oder einfach direkt in den Mund gelangen, desto aromatischer bleiben sie.

Eine Erdbeerblüte sieht einer Apfelblüte ziemlich ähnlich, was gar nicht so verwunderlich ist, denn beide sind Rosengewächse. Fünf weiße Blütenblätter bilden eine flache Schale, in deren Mitte viele gelbe Staubblätter Pollen anbieten. In einem Ring darum herum produziert die Blüte den Nektar. Pollen liefern Erdbeeren ordentlich, Nektar eher mäßig. Darum spielen die Pflanzen für die Honigproduktion kaum eine Rolle. Sie fügen den Mischsorten eine Geschmackskomponente hinzu.

Honigbienen finden die Erdbeerblüten grundsätzlich nicht besonders attraktiv. Sogar wenn ihr Stock direkt neben einem Erdbeerfeld steht, fliegen sie lieber andere Pflanzen in der Umgebung an. Bienen lassen sich nicht vorschreiben, wohin sie fliegen, aber Forscher haben einen Weg gefunden, ihren Tatendrang zumindest ein wenig zu steuern. Sie haben festgestellt, dass die Arbeiterinnen aus kleinen Völkern näher am Stock sammeln als bei großen Kolonien. Offenbar gehen die Bienen aus den kleinen Völkern weniger Risiken ein. Denn je weiter ihre Reise geht, desto größer die Gefahr, dass sie dabei umkommen. Und wenn das Volk aus weniger Bienen besteht, ist jede einzelne wertvoller als bei einem großen Volk.

Bienen verhindern den Befall mit Grauschimmel

Die Bienen können für die Obstbauern übrigens doppelt wertvoll sein: Denn Erdbeeren sind empfindlich für Grauschimmel. Der Pilz verwandelt die prallen roten Früchte in stinkenden Matsch. Im konventionellen Anbau spritzen die Bauern deshalb Pflanzenschutzmittel auf die Erdbeeren; im Bioanbau sind solche Chemikalien jedoch ausgeschlossen. Finnische Forscher haben eine Methode entwickelt, bei der die Bienen den Befall mit Grauschimmel verhindern: Sie setzen ein Kästchen mit Sporen eines gutartigen Schimmelpilzes vor das Flugloch des Bienenstocks. Wenn die Bienen den Stock verlassen, bleiben die Sporen in ihren Haaren hängen. Wenn die Sammelbienen ihrer Arbeit auf den Blüten nachgehen, verteilen sie die Sporen. Der gutartige Pilz besetzt die Erdbeerpflanzen, ohne sie zu schädigen, und nimmt dem Grauschimmel so den Platz weg.

Die Bienen fliegen die Erdbeerblüten genau zu dem Zeitpunkt an, wenn die Pflanzen für Grauschimmel besonders empfänglich sind und den Schutz am dringendsten benötigen. Biobauern, die das finnische System einsetzten, konnten doppelt so viele Erdbeeren ernten wie Kollegen auf unbehandelten Feldern; außerdem sank der Anteil schimmliger Früchte bei der Ernte. Das System ist zudem deutlich billiger als die chemische Keule. Und flexibler: Bei Regenwetter schaffen es Landwirte zwischen zwei Schauern kaum, den Traktor aus der Scheune zu holen, um Fungizide zu spritzen. Die Bienen aber fliegen aus, sobald der Regen aufhört. Sogar, wenn die Regenpause nur ein, zwei Stunden dauert, schützen sie neue Blüten. Und das System ist sehr einfach. Die Sporen des gutartigen Pilzes nachzufüllen – das könnten die Kinder des Bauern morgens auf ihrem Weg zur Schule erledigen.

Strenggenommen sind Erdbeeren übrigens gar keine Beeren, sondern Sammelnussfrüchte. Die kleinen harten Stippen auf dem roten Fruchtfleisch – das sind die Nüsschen.

Joachim Budde

Joachim Budde

Joachim stellt als freier Wissenschaftsreporter Insekten nach. Er hat schon einen Imkerkurs besucht, Asiatische Tigermücken am Oberrhein gejagt, Bettwanzen in einem Berliner Plattenbau gesucht und Fliegen im Garten des Londoner Naturkundemuseums beobachtet. Er arbeitet fürs Radio und für #bienenlive.