Unsere Interviewbiene hat eine prominente Verwandte vor dem Mikrofon: Wildbiene Frau Osmia, das Insekt des Jahres 2019.

Rostrote Mauerbiene im Interview
Die Rostrote Mauerbiene im Interview. Illustration: Ole Schleef

Rostrote MauerbieneWildbiene in rotem Pelz

wiss.Name Osmia bicornis
aktiv Anfang April bis Mitte Juni
Merkmal fuchsrot bis rostrot
gute Nisthilfen Bohrungen in Holz, Bambusröhrchen, Schilfhalme, Papphülsen
Baumaterial Erde oder Lehm

Frau Osmia, Sie sind ja ein Star, man hat Sie in Deutschland, Österreich und der Schweiz zum „Insekt des Jahres 2019“ gekürt. Was macht Sie so besonders?

So ganz genau weiß ich das auch nicht. Ich bin ja eine häufige Wildbiene. Vielleicht hat sich die Jury gedacht, sie nimmt eine Biene, die viele Menschen tatsächlich beobachten können. Denn es gibt mich fast überall in NRW und in Deutschland, und ich bin ziemlich auffällig mit meinem roten Pelz auf dem Hinterleib und den beiden Hörnchen auf der Stirn zwischen den Fühlern.

Also sind Sie ganz einfach zu erkennen?

Naja. Weibchen und Männchen sehen sogar so unterschiedlich aus, dass Carl Linné, der Erfinder der wissenschaftlichen Doppelnamen, uns ursprünglich für Vertreter zweier unterschiedlicher Bienenarten hielt. Das wurde erst über vierzig Jahre später aufgeklärt – ausgerechnet von einem Pfarrer.

Was können Menschen machen, die Sie gern als Gast in ihrem Garten begrüßen würden?

Sie können viel tun, es genügt aber schon wenig. Als Wildbiene brauche ich ja zwei Sachen: Plätze, an denen ich meine Eier ablegen kann, und Blüten, in denen ich Pollen und Nektar für mich und meinen Nachwuchs finde. Fangen wir mit der Nahrung an, die ist am einfachsten, denn ich bin nicht besonders wählerisch. Ganz im Gegensatz zu meinen Cousinen übrigens. Die Wachsblumen-Mauerbiene, die ist mir sehr ähnlich, frisst ausschließlich auf Wachsblumen. Ich sammle gern Hahnenfuß- und Stieleichenpollen, aber auch alles, was sonst gerade blüht. Ich bin zudem ein wichtiger Bestäuber für Steinobst.

Welchem Genuss können Sie nicht widerstehen?

Wer mich anlocken will, sollte mir Nistmöglichkeiten bieten. Ich mag röhrenförmige Löcher in Trockenmauern, in Löß- und Lehmwänden oder in Totholz und lockerem Gestein, Durchmesser zwischen fünf und sieben Millimeter. Der typische Holzbohrer. Aber unter uns: Ich bin da überhaupt nicht wählerisch. Unter den Mauerbienen gelte ich sogar als die flexibelste. Zur Not lege ich meine Eier auch in leere Streichholzschachteln oder in Patronenhülsen.

Wie sieht denn so ein Nest bei Ihnen aus?

Viele Leute denken ja bei Bienen immer zuerst und nur an die Honigbiene mit ihren riesigen Stöcken. Wie die überwältigende Zahl der mehr als 700 Wildbienenarten in Mitteleuropa lebe ich solo: Ich sammle Nektar und Pollen, trage ihn in eine Niströhre und pappe ihn zu einem Kuchen zusammen. Wenn der Vorrat groß genug ist, lege ich ein Ei darauf. Dann verschließe ich den Abschnitt des Rohrs mit einer Lehmwand und lege die nächste Brutkammer an. In alle Kammern kommen Eier für Töchter, nur in die letzte lege ich eines für einen Sohn. Der schlüpft im Frühjahr als erster und steht bereit, sobald die Weibchen schlüpfen.

Machen Sie jetzt das ganze Jahr über eine Kampagne für Wildbienen?

Das wird schwierig. Bald schon, Mitte Juni ist mein Leben ja schon wieder vorbei. Meine Töchter und Söhne bleiben in den Nestern, bis Krokusse und Schneeglöckchen nächstes Jahr wieder ihre Blüten zeigen.

Protokoll: Joachim Budde