Die Larven der Köcherfliege leben unter Wasser. Dort bauen sie Netze oder kunstvolle Köcher aus kleinen Steinen. Doch schmutziges Wasser bedroht sie. Die Reporterbiene hat die Köcherfliege Hydropsyche contubernalis getroffen.

Die Reporterbiene im Interview mit der Köcherfliege | Bildrechte: WDR 2019 / Ole Schleef

KöcherfliegenBaukünstler und Anzeiger der Wasserqualität

Artenreichtum 13.000, größte Wasserinsekten-Ordnung
Merkmal der Larven leben im Wasser, Köcher aus Steinen
Merkmal der Fliege braun- oder gelblich, behaarte Flügel
Lebensweise meist dämmerungs- und nachtaktiv

Frau Hydropsyche, Köcherfliegen wie Sie gelten Biologen als Bioindikatoren, also als Arten, deren Anwesenheit ihnen Informationen über den Zustand eines Gewässers geben. Warum ist das so?

Wie fast alle Köcherfliegen verbringen meine Larven ihr Leben unter Wasser. Wir brauchen viel Sauerstoff im Wasser. Die meisten Larven bauen sich aus kleinen Steinchen einen Köcher – daher haben wir unseren Namen. Meine Larven bauen zwischen Steinen auf dem Gewässergrund Netze, in denen ich Schwebstoffe fange, um sie zu fressen. Ist das Wasser schmutzig, verstopft der Dreck mein Netz. Es ist wirklich so: Wenn wir Köcherfliegen fehlen, ist das Wasser zu schmutzig.

Die Wasserqualität ist aber in den letzten Jahren immer besser geworden. Davon müssten Sie doch profitieren?

Das stimmt. Früher waren wir fast überall. Dann kam der Dreck. Als die Flüsse wieder sauber wurden, ging es uns besser. Dann kam die nächste Bedrohung: Ende des 20. Jahrhunderts haben sich asiatische Körbchenmuscheln im Rhein ausgebreitet. Inzwischen bedecken sie das gesamte Flussbett von Basel bis nach Rotterdam. Die Muscheln sitzen auf den Steinen am Boden, die wir ja brauchen. Unseren Larven blieben nur Randbereiche. Das hat unsere Zahl wieder stark dezimiert.

Wie geht es den Köcherfliegen insgesamt?

Schlecht! Es gibt 315 Köcherfliegenarten in Deutschland. Und bei 96 Prozent – das sind fast alle – schrumpfen die Bestände. Das hat das Bundesamt für Naturschutz erst kürzlich gemeldet. Bei eigentlich allen Insektenarten ist es so, dass wenigstens in abgeschlossenen Regionen noch Reste überlebt haben. Meine Schwesterart Hydropsyche tobiasi, die im Rhein lebte, ist im letzten Jahrhundert vollständig ausgestorben.

Wie kommt das? Damals gab es doch noch keine asiatischen Körbchenmuscheln im Rhein…

Im letzten Jahrhundert wurde der Rhein durch Städte und Industrie immer schmutziger. Die Tobias-Köcherfliege kam nur am Mittelrhein und am Main vor. Sie konnte nirgendwo hin. Sie ist der Verschmutzung des Flusses zum Opfer gefallen. Es gibt sie heute nur noch in Museum, aufgespießt auf Nadeln.

Wenn es den Köcherfliegen schlecht geht, welche Auswirkungen hat das auf andere Tierarten?

Auch andere Tiere leiden. Die Wasseramseln zum Beispiel. Ihr kennt sicher ihr Zwitschern und Trillern an Flüssen. Sie sind auf uns Köcherfliegen als Nahrung spezialisiert. Bei der Partnersuche übergibt die Amsel Köcherfliegen-Larven als Brautgeschenk.

Joachim Budde

Joachim Budde

Joachim stellt als freier Wissenschaftsreporter Insekten nach. Er hat schon einen Imkerkurs besucht, Asiatische Tigermücken am Oberrhein gejagt, Bettwanzen in einem Berliner Plattenbau gesucht und Fliegen im Garten des Londoner Naturkundemuseums beobachtet. Er arbeitet fürs Radio und für #bienenlive.