Der Philosoph Prof. Dr. Herwig Grimm erforscht, welche Grundlagen das moralische Miteinander von Tier und Mensch prägen. Er leitet die Abteilung Ethik der Mensch-Tier-Beziehung am Messerli Forschungsinstitut in Wien.

 

Tierethiker Herwig Grimm
Herwig Grimm leitet die Abteilung Ethik der Mensch-Tier-Beziehung am Messerli Forschungsinstitut in Wien (c) Herwig Grimm

Professor Grimm, was halten Sie von #bienenlive?

Wir sind als Bürger alle dazu aufgefordert, darüber nachzudenken, welche Formen der Tierhaltung wir in einer demokratischen Gesellschaft verantworten wollen und können – und wie wir mit der heimischen Natur umgehen. Und genau in diesem Kontext sehe ich #bienenlive. Das Projekt will nicht simplifizieren, sondern Einblick gewähren – und ruft uns damit alle dazu auf, uns mit den Themen zu beschäftigen und darüber nachzudenken, welche Werte wir in unserer Gesellschaft realisiert werden sollen.

Halten Sie den Ansatz für ethisch vertretbar?

Bienen stellen uns Philosophen immer wieder vor neue Herausforderungen, da nicht so klar ist, ob und inwiefern sie zum Beispiel Schmerzen empfinden. Immer vorausgesetzt, dass die Tiere durch die Sensoren und Kameras keinen Schaden nehmen und nicht unter vermehrtem Stress leiden, ist der Ansatz zu begrüßen, weil er die Frage der zukünftigen Gestaltung der Mensch-Tier-Beziehung zum Thema macht. Grundsätzlich begegnet uns die Nutztierhaltung nämlich oftmals nur in zwei unterschiedlichen Zuspitzungen: Als inszeniertes Idyll in der Werbung – oder als kolportierter Skandal auf den Titelseiten der Zeitungen. Ich begrüße jeden Ansatz, der dazu beiträgt, ein empirisch basiertes „Dazwischen“ zu liefern – einen Blick auf die tatsächlichen gegenwärtigen Bedingungen freizugeben.

Wie wichtig ist Sensortechnologie in der Tierhaltung heute?

Die landwirtschaftliche Tierhaltung in unseren Breiten erlebt gegenwärtig einen gewaltigen Digitalisierungsschub. Was früher oft der Intuition des Tierhalters überlassen wurde, soll nun auf Basis von vor Ort erhobenen Daten entschieden werden – etwa das Gewicht eines Bienenstocks oder die Temperatur darin. Der Imker will empirisch erfassen, was in seinem Stock vor sich geht. Die Frage für mich als Ethiker ist, inwiefern dadurch Entscheidungen besser werden und welchen Einfluss das zusätzliche Wissen auf die Entscheidungsfindung hat.

Kann sich das jeder Landwirt, jeder Imker leisten?

Vermutlich wird es laufen wie in anderen Bereichen auch: Stehen die Geräte und Programme zu Beginn meist nur den finanzstarken Betrieben zur Verfügung, wird es bald billigere Anwendungen geben. Spannend wird sein, wie die Verbraucher auf die Digitalisierung reagieren: Zum einen kann sie zu einem größeren Tierwohl beitragen. Andererseits interessieren sich die meisten Verbraucher bei Fragen der Landwirtschaft nicht für Technik und Innovation, sie sehnen sich vielmehr nach technikferner Idylle.

Was wäre die Alternative zur Sensortechnik?

Ein mögliches Szenario ist eine weitere Differenzierung der Landwirtschaft: Sparten, die ganz auf Digitalisierung und Sensortechnik setzen, versus Bereiche, die bewusst ohne diese auskommen wollen und die Intuition des Menschen in den Mittelpunkt stellen. Entscheidend ist, dass nicht weitere Fronten gezogen werden. Vielleicht ist die Kombination ein guter Weg. Digitales Monitoring spart Zeit, die der Landwirt oder der Imker dann in eine aufmerksame Tierbeobachtung „reinvestieren“ kann. Grundsätzlich bleibt aber die zentrale Frage: Welche Art der Landwirtschaft möchten und können wir in unserer Gesellschaft verantworten?

Herwig Grimm leitet die Abteilung Ethik der Mensch-Tier-Beziehung am Messerli Forschungsinstitut in Wien; eine interdisziplinäre Einrichtung der Veterinärmedizinischen Universität Wien, der Medizinischen Universität Wien und der Universität Wien. Das Institut wurde 2010 gegründet, um Orientierung zu bieten für einen vertretbaren Umgang mit Tieren – und Menschen auf wissenschaftlicher Basis in ihrer Verantwortung gegenüber Tieren zu unterstützen.