Was summt denn da? Es ist pelzig, hat Flügel, sechs Beine. Eine Hummel! Aber welche der vielen Arten uns um den Kopf schwirrt, wissen die wenigsten. Deshalb hat Professor Jorge Groß von der Universität Bamberg „ID-Logics“ entwickelt – „die App für jeden Entdecker“. Sie soll vor allem Laien dafür begeistern, Hummelarten zu bestimmen.

Jorge Groß
Professor Jorge Groß von der Uni Bamberg hat mit seinem Team eine App zur Artbestimmung entwickelt | Bildrechte: Uni Bamberg

Was summt denn da?

Professor Jorge Groß ist Direktor des „Instituts für Erforschung und Entwicklung fachbezogenen Unterrichts“ an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Die App „ID-Logics“ haben sein interdisziplinäres Team und er in Zusammenarbeit mit Schülern, Fachwissenschaftlern, Programmierern und dem Naturschutzbund (NABU) Niedersachsen entwickelt. Neben Hummeln ermöglicht sie auch die Bestimmung von Muscheln, Bäumen und Sträuchern.

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Herr Groß, warum sollte es Laien interessieren, welche Hummelart ihnen begegnet?

Jorge Groß: In einer aktuellen Studie haben skandinavische Wissenschaftler herausgefunden, dass es in Deutschland alleine in Schutzgebieten in den letzten 30 Jahren zu einem Rückgang der Insektenarten um 75 Prozent gekommen ist. Dabei wissen wir gar nicht, was und wen wir da töten. Das ist doch Wahnsinn! Deshalb müssen wir lernen, wieder genauer hinzuschauen: Nur, was ich kenne, kann ich lieben. Und was ich liebe, will ich schützen.

Warum sind Hummeln schützenswert?

Sie haben eine zentrale Bedeutung in unserem Ökosystem. Viele Blüten sind zum Beispiel abhängig von ihnen. Hummeln sind schwerer als etwa Honigbienen, haben sich deshalb auf bestimmte Blütenformen spezialisiert. Sie bestäuben ganze Pflanzengruppen wie die Frühblüher. Wenn die sich öffnen, sind noch gar keine anderen Bienen unterwegs – ohne Hummeln würden viele Arten aussterben.

Fliegen Honigbienen und Hummeln denn nicht zur selben Jahreszeit von Blume zu Blume?

Später im Jahr ist das richtig, aber Hummeln sind ganz besondere Tiere: Sie können ihre Körpertemperatur regulieren. Deshalb ist es ihnen möglich, früh im Jahr, wenn es noch kalt ist, Blüten zu bestäuben oder auch hohe Berge wie die Alpen zu überfliegen. Übrigens ernähren sich auch manche Vogelarten zum wesentlichen Teil von Hummeln, sie sind auf die Tiere angewiesen.

In Mitteleuropa sind 45 Hummelarten bekannt. Wie viele davon gibt es in Deutschland?

Das können wir nicht genau sagen, es gibt leider keine verlässlichen Daten. Die Erhebung ist Aufgabe der Naturschutzbehörden, und die kommen ihrer Verpflichtung ganz unterschiedlich nach. Manche beauftragen Experten, die seltene Arten wie die Mooshummel sicher bestimmen können. Das ist eine hohe Kunst. Andere hingegen sammeln eher Daten ehrenamtlicher Naturkundler; da ist die Qualität dann nicht ganz klar.

Wenn es keine verlässlichen Daten gibt – woher wissen Sie dann, dass manche Hummelart gefährdet ist?

Weil nur zehn bis 15 Arten in Mitteleuropa regelmäßig gesichtet werden. Rund 20 Hummelarten sind auf der Roten Liste, einige davon hat seit den 70er Jahren niemand mehr gemeldet. Wir gehen deshalb davon aus, dass sie ausgestorben oder akut vom Aussterben bedroht sind.

Sind die Ursachen dafür dieselben wie bei Bienen – Pestizide und Versiegelung?

Ja, es liegt vor allem an den so genannten Pflanzenschutzmittel, die in der Landwirtschaft großflächig zum Einsatz kommen. Die schützen gar nichts; Giftstoffe wie Herbizide töten Wildblumen, Insektizide schädigen das neuronale System der Tiere, so dass sie sich zum Beispiel Futterquellen nicht mehr merken können.

Also muss es das Ziel sein, auf die Gifte zu verzichten, dann ist das Problem aus der Welt. Richtig?

Sie stellen die falsche Frage. Wenn wir Verbraucher im Supermarkt den Apfel mit der glatten Schale kaufen, der bloß keine Stellen hat, unterstützen wir den Einsatz von Chemikalien auf Feldern. Wir sollten also nicht immer mit dem Finger auf Landwirte zeigen, die schließlich versuchen müssen, auf einem starken Konkurrenzmarkt zu überleben. Stattdessen muss die Frage lauten: Was verursache ich selber? Wie hängt das alles zusammen?

Mit Hilfe Ihrer App wollen Sie Verbraucher genau dafür sensibilisieren. Wie funktioniert das?

Indem wir helfen, genauer hinzuschauen. Wir möchten besonders junge Leute ansprechen und arbeiten eng mit Schulen zusammen. Im Biologieunterricht mussten die Kinder bisher zur Bestimmung von Tieren Bücher wälzen. Da standen dann bis zu 30 Fragen, und wenn eine falsch beantwortet wurde, war das Ergebnis auch verkehrt. Vor allem bei der Bestimmung von Hummeln, die innerhalb einer Art unterschiedliche Merkmale haben – je nachdem, ob es sich um Königin, Arbeiterin oder Drohne handelt. Das ist für Schüler total schwierig und frustrierend. Mit unserer App ist das anders: Weniger Fragen führen mit einer intelligenten Fehlertoleranz schneller zum richtigen Ergebnis.

Wie das?

Unser System berechnet anhand einer internen Logik möglichst einfache Fragen und rechnet mögliche Fehler in den Antworten raus. Die App fragt zum Beispiel nach der Form der Flügel: „Sind sie rund, haben sie Zacken?“ Da ist die richtige Antwort für den User einfach festzustellen. Bei dem Merkmal „gewellt“ wäre das schon anders, weil es für den Anwender nicht so klar definierbar ist.

Noch einfacher für den User wäre es, ein Foto des Tieres zu machen und die App die richtige Antwort ausspucken zu lassen. Technisch ist das längst möglich.

Das funktioniert vielleicht bei manchen Artengruppen wie Schmetterlingen. Aber Hummeln sind so schwierig zu bestimmen, da kämen ständig falsche Antworten heraus. Das ist allerdings nicht der Hauptgrund für unser Vorgehen. Zum einen liegt ein Fokus der App auf der Anwendung in Schulen. Trotz Digitalpakt sind Schulen in Deutschland erschreckend schlecht ausgestattet mit W-Lan, deshalb ist die App auch offline voll nutzbar. Mit dem Foto-Ansatz wäre das nicht möglich, das Bild müsste immer erst an einen Server gesandt werden, der die Antwort dann zurück auf das mobile Endgerät schickt. Zum anderen ist es uns aber viel wichtiger, dass die Leute mit „ID-Logics“ raus in die Natur gehen, selber gucken und entdecken.

Mit dem Handy in der Hand? Da schauen die Leute doch die ganze Zeit aufs Display.

Ja klar, anfangs schon. Aber im besten Fall nutzen sie zur Bestimmung ein paar Mal unsere App – und lernen dabei so viel, dass sie „ID-Logics“ irgendwann gar nicht mehr brauchen.

Bilder und Videos

App ID-Logistics
Die App „ID-Logics“ ermöglicht die Bestimmung von Hummeln | Bildrechte: Screenshot
Hummel
Denn welche Hummelart uns um den Kopf schwirrt, wissen die wenigsten. Bildrechte: Jens Anders
Anna Heidelberg-Stein

Anna Heidelberg-Stein

Anna versucht mit Wildblumen im eigenen Garten Bienen anzulocken. Leider blüht dort nie was. Sie schreibt für die ZEIT Hamburg. Für #bienenlive interviewt sie Experten aus ganz Deutschland; nebenbei hofft sie auf den entscheidenden Tipp für ihre Honigwiese.